Applaus, November 2009 Das Handicap als Stärke
Mit den Grenzgänger Theatertagen gibt das Münchner TamS Theater künftig
integrativen Theatergruppen ein Podium
1998 wurde das Theater Apropos gegründet, aus der Idee heraus, einen
Raum zu schaffen, in dem sich Menschen mit schweren psychischen
Erkrankungen und in der Psychiatrie professionell Tätige (Psychiater,
Sozialpädagogen) ohne therapeutischen Anspruch begegnen. Theater kann
durch die Übernahme und das spielerische Umgehen mit anderen, neuen
Rollen ohne therapeutischen Anspruch zur Entfaltung personaler Freiheit
führen. Und Theater bietet im Spiel einen Freiraum für unbefangenes
Begegnen miteinander und vor Publikum. Die Aufmerksamkeit richtet sich
auf Möglichkeiten und Fähigkeiten, nicht auf vermeintliche Handicaps.
Ein Handicap kann hier zur besonderen Stärke werden. Unter der
künstlerischen Leitung und professionellen Regie von Anette Spola und
Rudolf Vogel des TamS Theaters spielen zwölf bis 15 Menschen mit
seelischen Erkrankungen (schizophrene Psychosen, schwere Depressionen)
und Therapeuten gemeinsam Theater. Die Kerntruppe (der Wunsch jedes
Theaterleiters) ist seit zehn Jahren zusammen und hat sich eine
Professionalität erarbeitet, die gemeinsame Projekte mit
Berufsschau-spielern ermöglicht zu beidseitiger Bereicherung. Das Pfund,
mit dem die Apropos-Darsteller wuchern, ist ihre Authentizität, die den
Zuschauer über den rein theatralischen Effekt hinaus berührt, betonen
Spola und Vogel. Fünf Produktionen wurden bisher zur öffentlichen
Aufführung gebracht. Ihre neueste Produktion "Kleiner Mann, was nun?"
nach Hans Fallada eröffnet am 10. November die Grenzgänger Theatertage
im TamS-Theater. Acht Theatertruppen und ein blindes Blasorchester sind
mit dabei – die Münchner "Kultur auf Rädern" oder "Phönix aus der Asche"
mögen dem einen oder anderen ein Begriff sein. Zwei Gastspiele kommen
aus Berlin und Passau. Mit den Grenzgänger Theatertagen möchte das TamS
Theater künftig regionalen und überregionalen Theatergruppen ein
regelmäßiges Podium (zweimal jährlich) in der Theaterlandschaft geben.
Abendzeitung, 6. November 2009 Besondere Fähigkeiten
„Wir sind Grenzgänger - und dabei grenzenlos“, sagt die Theatermacherin
Anette Spola. Sie meint damit ihre Vorbereitungen für das Festival
„Grenzgänger“. Ihr Ziel ist es, Menschen mit Behinderung eine Bühne für
ihre Kunst zu geben.
In der Gruppe Apropos spielen Psychiatrie-Erfahrene neben Psychiatern.
„Da merken Sie keinen Unterschied“, scherzt Spola. Aber auch Gehörlose
und Blinde werden neben Nichtbehinderten auf der Bühne stehen. Die
Regisseurin Sacha Anema erzählt von der besonderen Herausforderung für
ihre Gruppe Die Blindgänger. Die Sehbehinderten müssen jede Bühne erst
einmal intensiv kennenlernen. Das bedeutet einen enormen zeitlichen
Mehraufwand.
Die Festival-Aufführungen reichen von Fallada (zur Eröffnung) über
Tschechow bis zu Herbert Rosendorfer und Friedrich Ani sowie eigenen
Stücken. Ein Konzert der Blinden Musiker München beschließt die
Theatertage am 21. November. Mit von der Partie sind neben sieben
Münchner Theatervereinen auch das Theater Thikwa aus Berlin und das
Theater Brut aus Passau. Aber es sind nicht nur Künstler mit
Behinderung, die in diesen Gruppen Integration und künstlerische
Selbstentfaltung erfahren. Die Gruppe Kultur auf Rädern bietet auf der
Basis einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme die Möglichkeit für
Langzeitarbeitslose, sich beruflich zu orientieren.
Was die einzelnen Gruppen vor allem unterscheidet, sei die Zielsetzung,
erklärt Carola Wisnet vom Theateratelier. Ihr Projekt „Philos und Sophia
– Eine philosophisch inspirierte Collage“ wird innerhalb einer vom
Bezirk Oberbayern finanzierten Tageseinrichtung für Menschen mit
Psychiatrie-Erfahrung realisiert. Im Gegensatz zu Kultur auf Rädern
steht im Theateratelier der Prozess im Vordergrund, nicht das Ziel einer
Aufführung. Dass es nun im Rahmen des Festivals „Grenzgänger“ zu
Aufführungen kommt, ist etwas Besonderes für Protagonisten und Macher
und ein großes Verdienst der Organisatoren des TamS-Theaters.